Brauchst du noch ein Anschreiben? Die ehrliche Antwort, Land für Land
8 Min. Lesezeit · Aktualisiert am 9. September 2026
Von Bogdan
Kurz gesagt
Ob du noch ein Anschreiben brauchst, hängt fast ausschließlich davon ab, wo du dich bewirbst — „Anschreiben sind tot“ ist ein US-Argument, keine europäische Regel. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das Anschreiben nahezu Pflicht: es wegzulassen wird weithin als Nachlässigkeit gewertet, und viele Recruiter berücksichtigen eine Bewerbung ohne Anschreiben gar nicht erst. In Frankreich wird für die meisten Stellen eine strukturierte lettre de motivation erwartet. In den Niederlanden (motivatiebrief), in Belgien und weiten Teilen Südeuropas ist es üblich, aber kürzer und weniger formell. In den nordischen Ländern sowie in Startups und Tech-Teams in ganz Europa ist es zunehmend optional — viele Stellen fordern dich sogar ausdrücklich auf, darauf zu verzichten. In Großbritannien und Irland wird es häufig erwartet, ist aber nicht immer Pflicht. Die sichere Regel: Solange die Stellenanzeige nicht ausdrücklich sagt, dass du keins schicken sollst, füge ein kurzes, maßgeschneidertes Anschreiben bei — und im deutschsprachigen Raum immer. Wenn du eins schreibst, richte dich nach der lokalen Konvention und Sprache: ein deutsches Anschreiben ist formell und strukturiert, eine französische lettre de motivation folgt der Struktur „vous, moi, nous“, und ein Startup-Anschreiben besteht aus drei knappen Absätzen.
Die Frage ist nicht „sind Anschreiben tot“ — sondern „wo“
Die meisten Ratschläge zum Thema „ist das Anschreiben tot?“ sind für den US-Markt geschrieben, wo es bei vielen Unternehmen tatsächlich optional geworden ist. In Europa führt dieser Rat aktiv in die Irre, denn die Antwort ändert sich je nach Land völlig. Es ist weniger eine Ja/Nein-Frage als eine Landkarte:
- Nahezu Pflicht: Deutschland, Österreich und die Schweiz. Das Anschreiben wegzulassen ist ein echter Ablehnungsgrund.
- Erwartet: Frankreich (die lettre de motivation) und häufig Großbritannien und Irland.
- Üblich, aber leichter: die Niederlande (motivatiebrief), Belgien und weite Teile Südeuropas (Spanien, Italien, Portugal) — kürzer und weniger formell.
- Zunehmend optional: die nordischen Länder sowie Startups und Tech-Teams fast überall — viele sagen dir ausdrücklich, dass du es dir sparen kannst.
Deutschland, Österreich & Schweiz: das Anschreiben ist nahezu Pflicht
Der deutschsprachige Raum ist der klarste Fall in Europa. Von einer klassischen Bewerbung wird erwartet, dass sie ein „vollständiges“ Paket ist — Anschreiben, Lebenslauf und oft Zeugnisse — und das Anschreiben ist der Teil, der deine Motivation und Passung transportiert.
- Es wegzulassen signalisiert Nachlässigkeit. Bei den meisten Nicht-Tech-Stellen wird eine Bewerbung ohne Anschreiben stillschweigend aussortiert — der Recruiter liest sein Fehlen als „hat sich keine Mühe gegeben“.
- Es ist formell und strukturiert. Korrekte Anrede und Grußformel, dein Adressblock und der des Arbeitgebers, eine Betreffzeile und ein klares Argument, warum gerade du und warum dieses Unternehmen — näher an einem formellen Geschäftsbrief als an einer US-Cover-Note.
- Die Ausnahme sind moderne Tech-Unternehmen und internationale Startups in Berlin, Wien oder Zürich, die zunehmend US-Stil pflegen und möglicherweise keins verlangen. Aber im Zweifel gilt im DACH-Raum: leg es bei.
Frankreich: die lettre de motivation wird erwartet
In Frankreich wird für die meisten Bewerbungen und Praktika eine lettre de motivation erwartet, auf Französisch, und sie folgt einer erkennbaren Struktur, die oft als „vous, moi, nous“ zusammengefasst wird: ein Absatz über das Unternehmen (vous), ein Absatz über das, was du mitbringst (moi), und ein Absatz über die Passung zwischen beiden (nous). Ein generisches, nicht zugeschnittenes Schreiben ist schlechter als ein gut gemachtes — französische Recruiter lesen es als Test für Einsatz und schriftliches Französisch.
Wo es üblich, aber leichter ist — und wo es optional ist
Außerhalb des Kerns DACH/Frankreich existiert das Anschreiben weiterhin, aber die Bedeutung sinkt:
- Niederlande & Belgien: ein motivatiebrief ist üblich, aber knapp und weniger formell als das deutsche Anschreiben — ein paar prägnante Absätze dazu, warum diese Stelle.
- Südeuropa (Spanien, Italien, Portugal): eine carta de presentación / lettera di presentazione ist verbreitet, aber kurz; viele Online-Bewerbungen machen sie optional.
- Großbritannien & Irland: ein Anschreiben wird häufig erwartet, vor allem bei Absolventen- und Nicht-Tech-Stellen, aber viele Bewerbungen (und die meisten Easy-Apply-Abläufe) verlangen keins.
- Nordische Länder (Schweden, Dänemark, Norwegen, Finnland): zunehmend optional und, wenn beigefügt, kurz und direkt.
- Startups & Tech, überall: oft ausdrücklich optional — manche verlangen stattdessen ein paar Zeilen in einem Formularfeld oder sagen „kein Anschreiben nötig“. Lies die Anzeige.
Brauchst du also eins? Eine einfache Regel
Lies zuerst die Stellenanzeige — sie sticht jede Landesvorgabe. Wenn sie sagt, du sollst kein Anschreiben schicken, dann lass es; wenn sie eins verlangt, füge immer eins bei. Wenn die Anzeige schweigt: In Deutschland, Österreich und der Schweiz füge jedes Mal das Anschreiben bei; fast überall sonst schadet ein kurzes, maßgeschneidertes Anschreiben selten und gibt manchmal bei einer knappen Entscheidung den Ausschlag — also lege im Zweifel ein knappes bei. Der einzige Ort, an dem das Weglassen klar unbedenklich ist, ist eine Startup- oder Tech-Stelle, die das so signalisiert.
Wenn du eins schreibst, richte dich nach der lokalen Konvention
Ein Anschreiben, das lokale Normen ignoriert, kann genauso schaden wie ein fehlendes. Richte dich nach Format und Sprache des Landes: ein formelles, strukturiertes deutsches Anschreiben auf Deutsch; eine lettre de motivation nach „vous, moi, nous“ auf Französisch; ein knapper motivatiebrief oder ein britisches Anschreiben aus drei kurzen Absätzen; und in jedem Fall dieselbe Sprache wie der Lebenslauf, den du schickst (ein französischer Lebenslauf gehört zu einem französischen Schreiben). Halte es auf einer Seite — idealerweise einer halben — und schneide es auf die konkrete Stelle und das Unternehmen zu, denn ein generisches Schreiben ist die eine Art, die wirklich schlechter ist als gar keins.
So entscheidest du, ob du ein Anschreiben beilegst
- 1
Lies zuerst die Stellenanzeige
Sie sticht jede Vorgabe. Wenn sie sagt, du sollst kein Anschreiben schicken, dann lass es; wenn sie eins verlangt, füge immer eins bei.
- 2
Wende die Landesvorgabe an, wenn die Anzeige schweigt
Nahezu Pflicht in Deutschland, Österreich und der Schweiz; erwartet in Frankreich und Großbritannien/Irland; üblich, aber leichter in den Niederlanden und Südeuropa; optional in den nordischen Ländern und den meisten Startups.
- 3
Im Zweifel füge ein kurzes bei
Eine maßgeschneiderte halbe Seite schadet selten und kann bei einer knappen Entscheidung den Ausschlag geben — während das Weglassen im deutschsprachigen Raum meist schadet.
- 4
Richte dich nach lokaler Konvention und Sprache
Ein formelles, strukturiertes Anschreiben auf Deutsch; eine lettre de motivation nach „vous, moi, nous“ auf Französisch; ein knapper motivatiebrief oder ein britisches Schreiben — in derselben Sprache wie dein Lebenslauf.
- 5
Schneide es auf die Stelle zu
Nenne das Unternehmen und die konkrete Stelle. Ein generisches Anschreiben ist die eine Art, die wirklich schlechter ist, als gar keins zu schicken.
Häufige Fragen
Brauche ich 2026 noch ein Anschreiben?
In Europa meistens ja — und es hängt vom Land ab. Es ist nahezu Pflicht in Deutschland, Österreich und der Schweiz, erwartet in Frankreich und Großbritannien/Irland, üblich, aber kürzer in den Niederlanden und Südeuropa, und zunehmend optional in den nordischen Ländern und bei Startups. „Anschreiben sind tot“ ist eine US-Sichtweise, die für weite Teile Europas nicht gilt.
Ist ein Anschreiben in Deutschland Pflicht?
Faktisch ja. Das Anschreiben gilt als Teil einer vollständigen deutschen Bewerbung, und es bei den meisten Stellen wegzulassen wird als Nachlässigkeit gewertet und führt dazu, dass die Bewerbung aussortiert wird. Die wichtigste Ausnahme sind moderne Tech-Unternehmen und internationale Startups, die im US-Stil arbeiten.
Brauche ich ein Anschreiben für einen Startup- oder Tech-Job?
Oft nicht. Startups und Tech-Teams in ganz Europa machen es häufig optional oder verlangen stattdessen ein paar Zeilen in einem Formularfeld — und manche sagen unmissverständlich, dass du keins schicken sollst. Lies die Anzeige; wenn sie nicht danach fragt und du dich auf eine Tech-Stelle bewirbst, reicht ein starker Lebenslauf allein meist aus.
Sollte mein Anschreiben in der Landessprache sein?
Ja, überall dort, wo dein Lebenslauf in der Landessprache ist. Schicke ein deutsches Anschreiben mit einem deutschen Lebenslauf, eine französische lettre de motivation mit einem französischen Lebenslauf. Wenn du dich auf Englisch bewirbst (zum Beispiel bei einem internationalen Arbeitgeber oder in den Niederlanden/nordischen Ländern), ist ein englisches Anschreiben in Ordnung.
Wie lang sollte ein Anschreiben sein?
Höchstens eine Seite, und eine halbe Seite ist oft besser. Das deutsche Anschreiben ist formeller und strukturierter, passt aber trotzdem auf eine Seite; anderswo reichen drei knappe, zugeschnittene Absätze völlig. Auf die Länge kommt es nie an — auf die Relevanz.
Ist es in Ordnung, das Anschreiben wegzulassen, wenn die Stellenanzeige keins verlangt?
Im deutschsprachigen Raum nein — füge das Anschreiben trotzdem bei. Fast überall sonst ist ein kurzes, zugeschnittenes Schreiben die sicherere Standardwahl, wenn die Anzeige schweigt, aber es wegzulassen ist bei einer Startup- oder Tech-Stelle, die signalisiert, dass es nicht nötig ist, wirklich in Ordnung.
Quellen
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